Ist definitiv die Hirschbirne: 93 Merkmale kennzeichnen die alte, robuste steirische Birnensorte, die heute in aller Munde ist. Versuch eines Selbstporträts.

Pöllau mit Schloss Pöllau (unten) und Wallfahrtskirche Pöllau

Pöllau mit Schloss Pöllau (unten) und Wallfahrtskirche Pöllauberg (oben). © Steiermark Tourismus, Niki Pommer

Kennen Sie das Pöllauer Tal? Es liegt nördlich des Apfel- und östlich des Almenlandes und die Waldheimat samt Joglland schließt daran an. Alles oststeirische Regionen, von denen jede einen Hinweis auf ihre Besonderheiten im Namen trägt. Almen- und Apfelland sind selbsterklärend, zu Joglland und Waldheimat muss man wissen, dass der steirische (Heimat-) Dichter Peter Rosegger dort gewirkt hat und was das Pöllauer Tal betrifft, wird die Sache klar, sobald ich mich mit meinem vollen Namen vorstelle: Gestatten, Pöllauer Hirschbirne!

TIPP: Meditation zu Fuß – Unterwegssein auf den Spuren der Pilger in der Oststeiermark und im Thermenland Steiermark.

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Hirschbirnenblüte im Naturpark Pöllauer Tal. © TV Naturpark Pöllauer Tal

Meine Familie ist seit Jahrhunderten im Tal rund um die Marktgemeinde Pöllau fest verwurzelt. 2.000 Exemplare unserer Bäume säumen dort die bunten Streuobstwiesen (24.000 sind‘s in der Oststeiermark) und es ist keine Seltenheit, dass einer 16 Meter hoch wird und 200 Jahresringe unter der Rinde hat. Auf meinen Stamm-Baum bin ich besonders stolz: 207 Lenze hat er erlebt, in jedem einzelnen das frühlingshafte Blütenmeer mit seinen weißen Schönheiten bestückt.

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Hirschbirnblüte. © TV Naturpark Pöllauer Tal

Meine Blüte war klarerweise auch dabei. Und ich darf sagen, dass sie es nicht leicht hatte. Da wir nämlich auf einer Höhe von bis zu 1.000 Metern liegen, pfuscht der liebe Frost dem Frühling oft während der Blüte ins Handwerk. Glücklicherweise sind aber unsere Blüten für ihre Standhaftigkeit gegen Wind und Wetter bekannt, sodass der eisige Geselle letztlich den Kürzeren zieht. Meines Erachtens hat diese Widerstandsfähigkeit damit zu tun, dass wir von der Schneebirne abstammen. Pomologen (Forscher der Obstbaukunde) haben dies auch wissenschaftlich dokumentiert.

Hirschbirnen aus dem Naturpark Pöllauer Tal

Gesammelte Pöllauer Hirschbirnen. © Steiermark Tourismus, Niki Pommer

In Gleisdorf, einer Stadt südlich von Pöllau, forschen Alois Wilfling und sein Team seit mehr als zehn Jahren am OIKOS (Institut für angewandte Ökologie & Grundlagenforschung) zu meiner Spezies. Mittlerweile haben sie 93 Merkmale definiert, die uns zur Nummer 1 unter den heimischen (Most-)Birnen machen. Was mich wirklich aufbaut, da ich zugegebenermaßen etwas mit meiner gedrungenen Form – eher breit als hoch – und meinem grünlich-gelben Teint samt verwaschener Rotfärbung gehadert habe. Mit dieser Optik peppst du keinen Obstkorb auf.

Hirschbirnen aus dem Naturpark Pöllauer Tal

Hirschbirnen aus dem Naturpark Pöllauer Tal. © Steiermark Tourismus, Niki Pommer

Egal, denn laut Studie stecken fünf Mal so viele Ballaststoffe unter meiner Schale als unter jener der Tafelbirne. Unsere Einzigartigkeit hat sich heute derart herumgesprochen, dass wir nicht nur in der Mostproduktion, sondern auch in der Haubengastronomie mitmischen. Bis zu einer eigenen Dirndlkollektion haben wir‘s gebracht – frei nach dem Motto „Alt, trendig, steirisch!“ Kernig, oder?

Aber am besten, ihr kommt ins Pöllauer Tal und macht euch selbst ein Bild. Wo‘s liegt, wisst ihr ja jetzt.

 

Kulinarik im Naturpark Pöllauer Tal

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Hirschbirn-Kletzn. © TV Naturpark Pöllauer Tal

Kletzn. Die getrockneten (Hirsch-) Birnen sorgen heute bei vielen Gerichten für eine besondere regionale Note, wie z. B. mit Speck umwickelt zu gebratenen Lammkeulen. Im Pöllauer Tal werden Kletzn sowie Dörrobst an sich noch auf traditionelle Weise hergestellt.
www.doerrobstland.at, www.bauernladen.gutes.at

Der Hirschbirnschinken oder auch die Hirschbirnpastete sind Spezialitäten der Fleischhauerei Buchberger aus Pöllau. Wer will, kann die Schmankerl vor Ort verkosten. Einen Hirschbirnleberkäse gibt’s übrigens auch schon.
www.buchberger.co.at

Ganz klassisch ist die Verarbeitung der Hirschbirne zu Most, Saft, Schnaps und Gelee. Den Sprung ins Standardsortiment hat mittlerweile auch der Hirschbirnsekt geschafft.
www.naturpark-poellauertal.at

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 24. März 2015 und wurde am 23. Mai 2017 überarbeitet. © Text: Echt*Zeit Magazin des Thermenland Steiermark